SDG 1 Innere Armut

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In seinem originalen Wortlaut ist SDG 1 darauf ausgerichtet, Armut in allen Formen und überall zu beenden. Es ist dabei auf die existenziellen Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Wohnen, Gesundheitsvorsorge etc. sowie eine faire Sozialpolitik fokussiert. 

Mit dem Wunsch dieses Nachhaltigkeitsziel um eine innere, geistig-spirituelle Perspektive zu erweitern, möchten wir uns auf dieser Seite der inneren Armut widmen, die nicht zuletzt als eine Ursache für extreme Armutsverhältnisse in unserer Welt zu sehen ist.

Was ist innere Armut?

“Die schrecklichste Armut in der Welt sind die Einsamkeit und das Gefühl ungeliebt zu sein.”

Mutter Teresa

Die innere Armut ist die Hauptursache für Ausbeutung und Ungerechtigkeit auf unserem Planeten. Menschen die sich nicht mehr mit sich, mit anderen und der Welt verbunden fühlen versuchen, ihre Leere durch das Anhäufen von materiellem Wohlstand zu kompensieren und/oder ihren geringen Selbstwert zu erhöhen, indem sie andere Menschen mit Arroganz und Hochmut behandeln. Sie verarmen in ihren menschlichen, seelischen Qualitäten. Auch Passivität bzw. gleichgültige Apathie den Mitmenschen bzw. anderen Lebewesen gegenüber sind Auswirkungen geistiger Armut. Sie wird in unserer Gesellschaft beispielsweise sichtbar in der Abstumpfung, mit der wir dem Leid anderer Lebewesen begegnen – den Flüchtenden, die im Mittelmeer ertrinken, oder der stillen Akzeptanz von Tierquälerei bei unserer Lebensmittelproduktion.

Ein Mensch kann ein Schloss und schicke Sportwagen besitzen und trotzdem im Mangel leben. Es gibt viele Menschen die äußerlich in Fülle und Wohlstand, geistig-spirituell jedoch im Mangel leben. Etwas im Inneren bleibt unerfüllt, damit verbunden sind sie immer von einer mehr oder weniger unterschwelligen Suche nach Erfüllung getrieben. Ihr Bedürfnis nach mehr, nach Besitz, nach Sicherheit und Anerkennung, sowie eine fortwährende Angst vor Verlust treiben den Motor an, immer mehr anzuhäufen. Der Zusammenhang zwischen materiellem Wohlstand und innerer Armut lässt sich jedoch nicht pauschalieren. Auch ein einfacher Arbeiter kann im Mangel leben, obwohl seine Grundbedürfnisse erfüllt sind, insbesondere dann, wenn er sich mit anderen vergleicht. Dieses unheilvolle Vergleichen nach oben wird durch die Sichtbarkeit anderer Lebensrealitäten durch TV, Magazine und Soziale Medien befeuert.

Ursachen innerer Armut

Als Ursache lässt sich eine Abgetrenntheit der Menschen von sich und anderen und damit mit der Fülle des Seins benennen. In einer Gesellschaft die maßgeblich das Sein über das Haben definiert, spüren viele Menschen sich und ihre wahren Bedürfnisse nicht mehr. Diese fehlende Selbstemphathie hat zur Folge, dass wir nicht mehr in der Lage sind Mitgefühl und Empathie auch für das Leid und die Bedürftigkeit anderer zu empfinden.

Wir haben verlernt wir selbst zu sein, können unsere eigenen Stärken und Talente nicht vollständig ausschöpfen, nicht zu den eigenen Schwächen stehen. Vielmehr eifern wir einem Ideal, einer Vorstellung von uns Selbst hinterher. Durch die fortwährende, immer nur temporär wirksame Kompensation des inneren Mangels im Außen, geraten wir in eine Abhängigkeit, weil der Selbstwert nicht mehr in unserem Wirkspektrum zu liegen scheint, sondern über die Möglichkeiten im Außen definiert wird. Das führt dazu, dass in einem der reichsten Länder der Erde, mit einer der besten sozialen Absicherungssysteme, die Menschen besonders viel Angst vor materieller Armut empfinden.

Wie können wir innere Armut überwinden?

Welche Maßnahmen kann ich aktiv gegen geistige und emotionale Leere ergreifen um die Fülle wieder in meinem Leben zu spüren? Wenn die existenziellen Grundbedürfnisse gedeckt sind, kann auch ein Mensch mit einem sehr minimalistischem Lebensstil Fülle empfinden. Diese Fülle wird nicht durch die Umstände im Außen genährt, sondern entsteht durch die bewusste Entscheidung genug zu haben. Als reifer, bewusster Mensch habe ich also selber die Wahl mich von meiner Definition über das Außen zu lösen, nur so entsteht echte innere Freiheit.

Oft erleben Menschen die sich ganz bewusst für einen reduzierten Lebensstil entscheiden sogar noch mehr Fülle. “Was du hast hat irgendwann dich” (Fight Club, Chuck Palahniuk, 1996). Die 1.000 kleinen und großen Dinge im Alltag sind an Verantwortung geknüpft. Wir müssen uns um unseren Besitz kümmern, ihn aufbewahren, pflegen, in Ordnung halten. Das verlangt nach immer mehr Raum und Aufbewahrungsmöglichkeiten. Gleichzeitig ziehen all diese Dinge wertvolle Lebenszeit von uns ab. Wahre Freiheit erfährt, wer sich reduziert und Fülle als eine innere Haltung erkennt.

Wer innerlich in Reichtum und Fülle lebt, lebt im festen Vertrauen, dass für ihn / für sie gesorgt ist. Ich habe genug. Ich bin genug. Es mangelt an nichts. Das aktive Nähren dieser Haltung führt zu einem Gefühl tiefer innerer Zufriedenheit und Erfüllung und damit verbunden zu einem tief empfundenen inneren Frieden. Menschen die im Füllbewusstsein leben werden freigiebig und entfalten Mitgefühl und Fürsorge für die Bedürfnisse und Nöte anderer.

In welchen Lebenssituationen kann ich mir selber ein Armutszeugnis aussprechen? Welche inneren (ungeliebten) Anteile in mir fühlen sich verarmt und vernachlässigt an? Diese Gedanken helfen uns dabei aufzudecken wo noch Bedarf für inneres Wachstum liegt. Denn oftmals ist Mangelbewusstsein kein absolutes Phänomen, sondern betrifft einzelne innere Anteile die es aufzudecken und durch bewusste Auseinandersetzung aufzulösen gilt.

Auf unserer großen Auftaktverstanstaltung zur Serie „Nachhaltigkeit & Bewusstsein – Wandel als innerer Transformationsprozess“ im März  sprachen wir mit Bhante Dr. Seelawansa über die innere Armut aus buddhistischer Sicht. Bhante Dr. Seelawansa ist ein buddhistischer Mönch aus Sri Lanka der in den 80er Jahren nach Europa kam. Er ist spiritueller Leiter des Theravada Buddhismus in Österreich (Dhammazentrum Wien, Theravada Schule Wien, Theravada Schule Salzburg), Hauptpatron der deutschen buddhistischen Vereinigung (Hamburg) und der österreichischen buddhistischen Vereinigung (Salzburg).

Das vollständige Interview als Audio-Datei sowie die Ergebnisse, Erkenntnisse und Impulse aus den Gesprächen in den Arbeitsgruppen dieser Veranstaltung stellen wir zeitnah auf dieser Seite für Euch online.

Die Inhalte zu den SDG aus der inneren Perspektive entstehen in interdisziplinären Arbeitsgruppen aus Studierenden, Wissenschaftler:innen, spirituellen Menschen verschiedener Traditionen und engagierten Bürger:innen, die sich für gesellschaftliche Werte und Ethik interessieren. Die Erarbeitung dieser Inhalte ist ein fortwährender Prozess. Wenn Du Dich gerne einbringen, Deine Impulse und Gedanken mit uns teilen möchtest, dann melde Dich gerne per E-Mail: Ansprechpartnerin Madeleine Genzsch mg@sdg18.de.