SDG 4 Zukunftsfähige Bildung

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In seinem originalen Wortlaut widmet sich SDG 4 der Herausforderung, Menschen auf der ganzen Welt einen Zugang zu hochwertiger Bildung zu schaffen. Jedes Kind, jeder Mensch soll ein Anrecht darauf haben, ein Leben lang. Denn Bildung befähigt Menschen, ihre politische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Situation zu verbessern.

Mit dem Wunsch dieses Nachhaltigkeitsziel um die innere Dimension zu erweitern, möchten wir auf dieser Seite, unter dem Leitmotiv „Wissen. Erkennen. Wirken.“ fragen, welche Kompetenzen und Institutionen des Lernens wir für den Wandel brauchen, die Bedeutung inneren Wachstums sowie die Kraft des „Nicht-Denkens“ beleuchten und aufzeigen, wie wir mit Verstand, Herz und Hand ins Wirken kommen.

Ist Wissen Macht?

Das bekannte Zitat „Wissen ist Macht“ entstammt dem englischen Philosophen und Politiker Francis Bacon (1561 – 1626). Bacon wirkte zu einer Zeit der Eroberungen und früher Kolonialisierung, in der die „entwickelten“, europäischen Staaten, sich den „unterentwickelten“ amerikanischen Kontinent aneignete. Das immense Ungleichgewicht im Wissen um Schifffahrt, Taktik, Waffen und Handel, stellte für die Eroberer einen enormen Vorteil dar.

Auch heute noch haben viele Länder im globalen Süden einen schlechteren Zugang zu Bildung und sind damit im Nachteil. Aber auch in unserem täglichen Leben kennen wir das Gefühl unterlegen zu sein, wenn Wissenshoheit dazu verwendet wird, das Gegenüber argumentativ an die Wand zu fahren. Dann ist es uns schwer möglich unseren Standpunkt und die damit verbundenen Sorgen und Bedürfnisse zu argumentieren. Auf diese Weise wird Wissen als Machtinstrument missbraucht, um eine Position der Überlegenheit einzunehmen und das eigene Ego zu stärken. Ein weiser Mensch erkennt jedoch die Gefahr eines Nullsummen-Spiels, wenn Wissen zum (vermeintlich) eigenen Vorteil eingesetzt wird und dem Gegenüber durch dieses Ungleichgewicht ein Nachteil entsteht. So sollte Wissen – insbesondere im gesellschafts-politischen Kontext – nicht Macht, sondern Verantwortung, Rücksicht und Weitsicht bedeuten.

Neues Wissen – Altes Wissen

Die Wissenschaft kennt die meisten Ursachen und Hintergründe aktueller und zukünftiger globaler Herausforderungen. Auch zeigt sie für viele dieser Problematiken eine Vielzahl gangbarer Lösungen, Technologien und Methoden auf. Dieses „neue“, auf Fakten und Daten basierende Wissen über die Welt, so wie wir sie im Außen wahrnehmen muss ergänzt werden durch „altes Wissen“, so wie wir es in vielen der alten, heiligen Schriften wiederfinden: Die positive Kraft der Liebe und des Glaubens, die Verbundenheit allen Lebens, die Qualität echter Menschlichkeit, das Sehnen des Individuums nach Glück und Erfüllung und damit verbundene unbewusste, destruktiv wirkende innere Anteile. Leider sind Sprache und Bilder dieser Werke nicht mehr zeitgemäß. Viele Menschen in den Industrieländern spüren inneren Widerstand, wenn es um Religiosität geht. Diese Inhalte müssen ganz neu, auf unsere Zeit „übersetzt“ und angewendet werden.

Welche Kompetenzen brauchen wir für den Wandel?

Neben Wissen werden vielfältige Kompetenzen für den Wandel benötigt. In Anlehnung an Ken Wilbers integrale Theorie, möchten wir uns der Frage nach den notwendigen Kompetenzen in 4 Ebenen nähern:

  1. Bewusstseins-Bildung (Ich. Innen.)
  2. Handeln (Ich. Außen.)
  3. Gemeinsinn-Kompetenzen (Wir. Innen.)
  4. Strukturen kollektiven Lernens (Wir. Außen.)

Eigene Darstellung in Anlehnung an K. Wilbers „Integrale Theorie“

1. Bewusstseins-Bildung (Ich. Innen.)

Erkenntnis

Auf der Ebene der Bewusstseinsbildung erkennt das Individuum seine Rolle und Verantwortung in Bezug auf die Herausforderungen mit denen wir uns global konfrontiert sehen. Es begreift, dass alles auf diesem Planeten miteinander in Verbindung steht und nichts isoliert von seiner Umgebung betrachtet werden kann.

Die Auseinandersetzung mit der Frage „Wer bin ich?“ lässt einen aktiven, inneren Lernraum entstehen, der Selbsterkenntnis und individuelle Potenzialentfaltung hervorbringt. Welche Werte sind mir wichtig in meinem Leben? Welche Haltung möchte ich zu bestimmen Fragestellungen einnehmen? Diese Fragen beinhalten gleichermaßen das proaktive Hinterfragen unbewusster, individueller und kollektiver Glaubenssätze und Konditionierungen.

Potenzialentfaltung: Wo liegen meine persönlichen Stärken und Talente? Wie kann ich sie zur Entfaltung bringen, um für diese Welt, für die Gesellschaft von Nutzen zu sein, das Gefühl zu haben etwas Sinnstiftendes zu tun? Mich als wertvoll und nützlich in meinem Tun zu erfahren?

Kopf und Herz

Auf der Wissensebene sind uns viele unseren Alltag betreffende Missstände bekannt. Die Masse an Informationen begünstigt jedoch eine Abstumpfung, Passivität und gleichgültige Apathie, mit der wir dem Leid anderer Lebewesen begegnen. Ob stille Akzeptanz von Tierquälerei bei unserer Lebensmittelproduktion oder die prekären Umstände von Geflüchteten in Lagern: wir wissen um die Dinge, aber wir fühlen sie nicht mehr. Damit neben der Verstandesebene auch das Herz berührt wird, brauchen wir mehr emotionale Intelligenz (EQ), eine Herzens-Bildung zur Förderung humanistischer Werte wie Menschlichkeit und Mitgefühl, Offenheit, Mäßigung, die Weisheit Wissen klug anzuwenden sowie eine Stärkung des Zugehörigkeitsgefühl jedes Einzelnen zu seiner Umwelt und zur Weltgemeinschaft.

Die Kraft des Nicht-Denkens

Ein waches Bewusstsein ist für die sozio-ökologische Transformation elementar. „Vergib Ihnen Herr, denn sie wissen nicht was sie tun.“ (Lukas 23:34). Jesu Worte erinnern uns daran, dass der Mensch in seinem destruktiven Handeln dies meist aus einer Form der Unbewusstheit heraus tun. Unbewusst-sein bedeutet von automatischen Prozessen, Konditionierungen und Denkmustern getrieben und sich der Konsequenzen des eigenen Handelns nicht bewusst zu sein. Eine aktive Praxis der Geistesschulung erlaubt uns unbewusste Denk- und Handlungsmuster zu erkennen, sie aktiv zu hinterfragen und aufzulösen. Das „Leermachen“ vom kontinuierlichen, unbewussten Strom unkontrollierten Denkens wird seit Jahrtausenden in allen großen spirituellen Traditionen praktiziert: Meditation, Gebet, Kontemplation, Sammlung, Versenkung, Einkehr, Selbstbesinnung. Indem wir alte Konzepte und Konditionierungen bewusst betrachten entsteht Raum für Kreativität und Inspiration um Dinge neu zu denken, neue Wege einzuschlagen. Darüber hinaus nähren Praktizierende einen tiefen inneren Frieden sowie eine positive Grundhaltung dem Leben gegenüber und strahlen Selbiges in ihr Umfeld aus.

2. Selbstwirksamkeit entfalten (Ich. Außen.)

Um Stärken und Schwächen, Talente und Potenziale wissend tritt das Individuum ins Außen. Bringt Wissen in die Anwendung, verkörpert, verwirklicht und gestaltet und findet auf diese Weise einen eigenen Weg aktiver Teil des Wandels zu sein. Im Handeln erfahren wir Selbstwirksamkeit, entfalten unser (kreatives) Potenzial. Wir spüren, dass wir etwas bewegen können, welche Wirkungsmacht in uns steckt und können Ohnmachtsgefühle überwinden. Durch die Freude und Leidenschaft am Tun was unseren Stärken entspricht, erfahren wir ein Gefühl von Nützlichkeit. Positive Rückmeldungen, gepaart mit kleinen und großen Erfolgserlebnissen, schenken uns neuen Mut und nähren Motivation und Tatkraft. Freude und Begeisterung im Tun wirken „ansteckend“ und können mehr Menschen zum Handeln motivieren, als faktenbasierte Aufklärungsversuche.

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3. Gemeinsinn-Kompetenzen ausbilden (Wir. Innen.)

Die globale Gemeinschaft steht vor komplexen Herausforderungen. Es gibt nicht mehr die eine, einfache Lösung. Gute Lösungsansätze sind vielschichtig und erfordern, dass wir kooperieren und unsere Stärken und Kompetenzen zusammenbringen. Dafür brauchen wir ausgeprägte Team-Kompetenzen, also die Fähigkeit gemeinsam an den Fragestellungen unserer Zeit zu arbeiten und das bewusste Ablegen von Konkurrenz- und Profilierungsverhalten, zugunsten des gemeinsamen Ziels. Gemein-Sinn, also die Fähigkeit sich als Teil einer (Welt)Gemeinschaft zu verstehen, die verbindenden Elemente herauszuarbeiten und sich gegenseitig zu inspirieren und zu stärken. Das Teilen bzw. Zusammenlegen von Wissen (Skillsharing). Eine gute Beziehungskultur, die aktiv zuhört, integriert und verbindet statt auszugrenzen und damit Raum für echte Solidarität und Miteinander schafft. Co-kreative Ansätze bringen Akteur:innen aus den unterschiedlichen Milieus, Lebens-, Arbeits- und Entscheidungsrealitäten, zusammen und schaffen ein Miteinander in dem sich alle Akteur:innen als gleichwertige Partner im Transformationsprozess begreifen. Innovative soziale Techniken, Kommunikations- und Kollaborationsmethoden, Moderation und Mediation unterstützen die Wirkenden dabei Lösungen gemeinsamen und basisdemokratischen zu entwickeln und in politische Rahmenbedingungen zu übersetzen.

4. Rahmen & Strukturen kollektiven Lernens (Wir. Außen.)

Schulen und Universitäten

Die vierte Dimension umfasst Orte, Räume und Institutionen die neues Lernen ermöglichen. Im Interview mit Silke Weiß (Pioneers of Education) bezeichnet sie Schulen und Universitäten als „Akupunkturpunkte für den Wandel“. Schule soll nicht mehr Ort reiner Wissensvermittlung sein, sondern insbesondere individuelle und zwischenmenschliche Kompetenzen ausbilden. Eine Befähigungskultur, die Kinder und junge Erwachsene fördert ihre individuellen Stärken und Talente zu erkennen, Selbst-Bewusstsein zu erfahren und sie dabei unterstützt ihre Berufung zu finden und zu entfalten. Ganzheitliche Bildung schafft eine positive Lern- und Erfahrungsatmosphäre, fördert Vielfalt und unterstützt bei der Ausbildung von Werten und innerer Haltung.

„Ein guter Schulabschluss ist kein Indikator für Intelligenz, sondern von guter Anpassungsfähigkeit.“ 

Gerald Hüther

Organisationen & Institutionen

Auch unsere Familien, die Gemeinschaft unter Freunden oder in Vereinen sowie die Begegnungen mit Fremden im Alltag, sind Institutionen und Rahmen in denen wir Beziehungskultur lernen und weiterentwickeln können. In jedem Alter. Dabei sind kommunikative Skills im Miteinander von essenzieller Bedeutung: Wie kann ich meine Gefühle und Bedürfnisse spüren und zum Ausdruck bringen? Wie verlasse ich den „Sender-Modus“ und erlaube mir vorbehaltlos und einfühlsam zuzuhören und mich auf die Bedürfnisse und Sorgen anderer einzulassen? Es erfordert Mut und Offenheit echter Vielfalt zu begegnen, Andersdenker:innen auszuhalten und eine von Mitgefühl getragene Diskurskultur zu leben.

Zivilgesellschaftliches Engagement

Auf gesellschafts-politischer Ebene brauchen wir Menschen, die aktiv für ihre Werte einstehen. Das schließt sowohl Instrumente indirekter politischer Partizipation (z.B. Wahlen), als auch direkte politische Partizipation (z.B. Bürgerinitiativen, Petitionen, Demonstrationen) mit ein.

Im sozio-ökologischen Transformationsprozess gewinnt insbesondere das zivilgesellschaftliche Engagement zunehmend an Bedeutung. Organisationen und Gruppen die groß und visionär denken und gleichzeitig in der Lage sind, ihre Ideen und Forderungen in kleinschrittige, konkrete Maßnahmen zu übersetzen und zu handeln. Dabei ist es wichtig, dass sie ob ihrer Fokussierung den gesamtgesellschaftlichen Kontext nicht aus den Augen verlieren. Durch Vorbilder die vorleben und begeistern, statt zu belehren, die den Mut haben die eigene Blase zu verlassen und Zugänge zu anderen Gesellschaftsgruppen zu suchen, können wir Menschen unterschiedlicher Milieus mitnehmen und einer Spaltung in extreme Positionen vorbeugen.

Für den demokratischen Prozess ist es elementar, dass Wissen und politische Befähigung allen gesellschaftlichen Milieus gleichermaßen zugängig sind. Entsprechende institutionelle Strukturen erlauben mehr aktive Bürgerbeteiligung durch moderne Dialog- und Beteiligungsformate (z.B. Bürgerräte).

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Fazit

„Die Politik“, „Die Wirtschaft“, „Das System“ sind keine autonomen Strukturen. Sie sind Spiegelbilder der Werte unserer Gesellschaft. Daher ist es für den Transformationsprozess von elementarer Bedeutung, dass wir uns aktiv und bewusst mit unseren gesellschaftlichen Werten auseinandersetzen, um sie im demokratischen Prozess in gesetzliche Rahmenbedingungen zu fassen und einen Paradigmenwechsel einzuleiten.

Ein demütiger Umgang mit Ressourcen, Gerechtigkeit, Friedfertigkeit, Solidarität und Mitgefühl … eine nachhaltige Entwicklung ist nur so wirkungsvoll wie die Menschen die ihre Werte wirklich verinnerlicht haben. Innehalten, hinsehen, hinspüren – auch Otto Scharmer (MIT University) benennt in seiner „Theory U“ die spirituelle Dimension als einen wichtigen Baustein in individuellen und kollektiven Veränderungsprozessen, ebenso der Wirtschaftsreformer Christian Felber („Gemeinwohl-Ökonomie“) oder der Mediziner Jon Kabat-Zinn („MBSR“). Es liegt also nah, dass wir auf dem Weg in die Nachhaltigkeit unsere heutige, stark rationale Perspektive auf die Welt, um die spirituelle Dimension erweitern und Geist, Herz und Hand in einem holistischen Ansatz zusammenführen.

Veranstaltung zum Thema „Ganzheitliche Bildung“

Am 10. Juni 2021 konnten wir zum Thema „Zukunftsfähige Bildung“ wieder eine große digitale Veranstaltung im Rahmen der Serie „Nachhaltigkeit & Bewusstsein – Wandel als innerer Transformationsprozess“ durchführen.

An diesem Abend war Silke Weiß unser Gast. Sie ist Lernkultur-Coach, Gründerin der Pioneers of Education, Leiterin der Akademie „Lernkulturzeit“ und seit 2010 Mitglied einer interdisziplinären Forschungsgruppe zur Interdependenz von Bildung und Bewusstsein.

Das vollständige Interview stellen wir Euch zeitnah auf dieser Seite als Audio-Datei zur Verfügung.

Quelle: Lernkulturzeit.de

Die Inhalte zu den SDG aus der inneren Perspektive entstehen in interdisziplinären Arbeitsgruppen aus Studierenden, Wissenschaftler:innen, spirituellen Menschen verschiedener Traditionen und engagierten Bürger:innen die sich für gesellschaftliche Werte und Ethik interessieren. Die Erarbeitung dieser Inhalte ist ein fortwährender Prozess. Wenn Du Dich gerne einbringen, Deine Impulse und Gedanken mit uns teilen möchtest, dann melde Dich gerne per E-Mail: Ansprechpartnerin Madeleine Genzsch mg@sdg18.de.